E-Mobilität: Europa droht den Anschluss zu verlieren
Die Zukunft des europäischen Automarkts steht erneut zur Debatte. Im Dezember könnte die EU das geplante Verbrenner-Aus ab 2035 wieder kippen. Grund: die schwache Nachfrage nach E-Autos. Doch ist diese Rolle rückwärts wirklich zukunftsweisend?
Mitte September kamen Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Kommission mit führenden Autobauern zusammen, um über das geplante Ende des Verbrennungsmotors ab 2035 zu beraten.
Doch statt Aufbruchsstimmung herrscht Ernüchterung: Die Hersteller plädieren für eine Lockerung der Fristen und wollen Plug-in-Hybride länger am Markt halten. Ihre Begründung: Die Nachfrage nach reinen Elektroautos bleibt schwach, während chinesische Anbieter mit rasantem Tempo und aggressiver Preisstrategie drängen.
Die EU hat inzwischen eingelenkt und will die vorgesehene Überprüfung der Klimavorgaben bereits Ende dieses Jahres vorziehen – ursprünglich war sie erst für 2026 geplant. Damit steht das 2035-Ziel faktisch wieder zur Disposition. Was als klarer Fahrplan für den ökologischen Umbau gedacht war, entwickelt sich zunehmend zu einer Grundsatzdiskussion über Wettbewerbsfähigkeit, Industriepolitik und Energiepreise.
Stagnierende E-Auto-Verkäufe und Produktionskürzungen belasten die Industrie
Die Kritik am Verbrenner-Aus wird immer lauter, denn der europäische Automobilmarkt schwächelt spürbar. Wie Coface berichtet, gingen im ersten Halbjahr 2025 gingen die Neuwagenverkäufe um 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück – nach einem ähnlichen Minus in 2024. Noch immer machen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor rund 40 Prozent der Verkäufe aus.
Gleichzeitig sank die europäische Automobilproduktion um 4 Prozent, belastet durch fragile Auftragslagen, rückläufige Exporte und US-Zölle in Höhe von 15 Prozent. Für 2025 werden rund zwei Millionen verkaufte Elektrofahrzeuge erwartet – das entspricht nur etwa 15 Prozent der Neuzulassungen.
Der Elektromarkt stagniert, staatliche Förderungen laufen aus, und steigende Energiepreise bremsen die Kaufbereitschaft zusätzlich. Viele Beobachter halten das Ziel, ab 2035 ausschließlich Elektroautos zuzulassen, ohne massive öffentliche Unterstützung für nicht realistisch.
Eindrücklich zu sehen ist die Situation diesen Herbst bei Volkswagen: In Zwickau und Dresden ist die Produktion im Oktober für eine Woche geruht, in Emden drohen Schließtage, und in Osnabrück werden bereits wöchentliche Produktionspausen eingelegt. Paradox: In Wolfsburg gibt es Sonderschichten – für Verbrenner.
Marcus Sarafin, Geschäftsführer der GFL, warnt davor, jetzt in alte Muster zurückzufallen:
„Ich meine, es geht für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung nur Richtung Elektro. Wir sollten uns wie China unabhängiger machen – Sonne und Wind haben wir genug. Dazu weitere Energiequellen wie Wasser oder Biomasse. Das kann unsere Schlüsseltechnologie Automobil retten, auch wenn einzelne Firmen es vielleicht nicht überleben.“
China zieht davon – mit Tempo, Strategie und staatlicher Unterstützung
Während Europa diskutiert, liefert China. Chinesische Hersteller wie BYD, SAIC, Geely oder Newcomer wie Xpeng und Leapmotor haben längst den internationalen Markt im Visier – mit günstigen Produktionskosten, massiver staatlicher Förderung und strategischem Weitblick.
Schon seit den 1990er Jahren verfolgt Peking das Ziel, mit Elektroautos den Weltmarkt zu erobern. 2009 startete ein milliardenschweres Förderprogramm, 2017 legte der „Mittel- und langfristige Entwicklungsplan für die Autoindustrie“ die Grundlage für den aktuellen Erfolg.
Heute laufen in China über 31 Millionen Fahrzeuge pro Jahr vom Band – mit Kapazitäten, die noch weit darüber hinausgehen. Elektroautos aus China machen mittlerweile 13 Prozent der Verkäufe in Europa aus – Tendenz steigend.
Zudem investieren chinesische Hersteller zunehmend direkt in Europa: Montage- und Batteriefabriken entstehen in Mittel- und Osteuropa, was das industrielle Gleichgewicht langfristig verändern könnte. Europäische Hersteller geraten dadurch doppelt unter Druck – technologisch und strukturell.
Marcus Sarafin fordert deshalb mehr Mut zur Transformation:
„Wir müssen schauen, was alles mit Strom geht – und Wasserstoff weiterentwickeln. So können wir kostentechnisch wieder an die Spitze kommen. Nicht jede Technologie kann rein elektrisch funktionieren, aber die Richtung ist klar. Nur so bleibt Deutschland wettbewerbsfähig.“
Fazit: Europa steht am Scheideweg
Ob das Verbrenner-Aus 2035 Bestand hat oder nicht – die Entscheidung über die Zukunft der europäischen Autoindustrie fällt jetzt. Während China mit Tempo und staatlicher Strategie vorangeht, steckt Europa im Reformstau.
Sollte die EU erneut zögern, droht sie den technologischen Anschluss zu verlieren. Nur durch eine konsequente, innovationsgetriebene Energie- und Industriepolitik kann Europa im globalen Wettbewerb bestehen – und seine Schlüsselindustrie zukunftsfähig machen.
„Ich meine, es geht für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung nur Richtung Elektro. Wir sollten uns wie China unabhängiger machen – Sonne und Wind haben wir genug. Dazu weitere Energiequellen wie Wasser oder Biomasse. Das kann unsere Schlüsseltechnologie Automobil retten, auch wenn einzelne Firmen es vielleicht nicht überleben.“