Die Europäische Union richtet ihre Handelspolitik neu aus. Nach Abkommen mit Indonesien und den Mercosur-Staaten folgt nun ein weiterer strategischer Schritt: die Einigung auf ein Freihandelsabkommen mit Indien. Die Dimension ist enorm. Eine Freihandelszone mit fast zwei Milliarden Menschen könnte entstehen. Damit europäische Unternehmen davon profitieren können, sind passende Exportfinanzierungen nun entscheidend.

Paket auf LieferbandEin Abkommen mit Signalwirkung

In Neu-Delhi paraphierten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ratspräsident António Costa und Indiens Premierminister Narendra Modi das Abkommen. Bis es in Kraft tritt, müssen noch mehrere Hürden genommen werden: Übersetzungen in alle 24 EU-Amtssprachen, juristische Prüfungen sowie die Zustimmung der Mitgliedstaaten und des Europäischen Parlaments. Dennoch herrscht Optimismus, dass der Prozess innerhalb etwa eines Jahres abgeschlossen werden kann.

Der politische Rückenwind ist deutlich stärker als bei früheren Handelsprojekten. Anders als beim umstrittenen Mercosur-Abkommen sind große Teile der Landwirtschaft bewusst ausgeklammert. Genau dieser Punkt macht den Unterschied.

Warum der Widerstand diesmal ausbleibt

Indischer SupermarktBeim Mercosur-Vertrag hatten insbesondere europäische Landwirte protestiert. Sie fürchteten Preisdruck durch billigere Importe und ungleiche Umwelt- und Produktionsstandards. Beim Abkommen mit Indien wurden diese sensiblen Bereiche ausgeklammert. Rindfleisch, Geflügel, Getreide, Zucker, Reis und Milchprodukte sind nicht Teil der Zollsenkungen. Auch der CO2-Grenzausgleich (CBAM) bleibt bestehen.

Frankreich, das Mercosur jahrelang blockierte, signalisiert nun offen Unterstützung. Der Grund: große Marktchancen für französische Weine, Spirituosen und Luxusgüter. Auch Deutschland sieht erhebliches Potenzial, insbesondere für die Automobilindustrie.

Chancen und Grenzen für die europäische Industrie

Autos in IndienFür deutsche Autobauer ist Indien bislang ein schwieriger Markt. Zölle von bis zu 110 Prozent machten Fahrzeuge aus Europa nahezu unbezahlbar. Künftig sollen diese Zölle schrittweise auf zehn Prozent sinken, allerdings nur innerhalb klar begrenzter Kontingente. Der Zugang bleibt also reguliert, aber europäische Hersteller erhalten zumindest erstmals realistische Einstiegsmöglichkeiten.

Als größte Gewinner gelten jedoch andere Branchen: Chemieindustrie, Maschinenbau, Elektronik und Kunststoffverarbeitung auf europäischer Seite. Indien wiederum möchte mehr Medikamente, IT-Dienstleistungen sowie Produkte aus der Textil- und Schmuckindustrie in die EU exportieren. Angesichts hoher US-Zölle ist Europa für Indien ein zentraler Ausweichmarkt, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Geopolitik als Beschleuniger

Ein zentraler Treiber für den schnellen Abschluss ist die veränderte globale Handelspolitik. Die USA setzen zunehmend auf Zölle und bilateralen Druck. Das zwingt andere Wirtschaftsräume dazu, neue Allianzen zu schmieden. Dass die EU ihre Verhandlungen mit Indien nach mehr als 20 Jahren nahezu zeitgleich mit dem Mercosur-Abkommen abschließt, ist kein Zufall.

Indien hatte sich lange gegen Umweltstandards und Marktöffnungen gesperrt. Erst der zunehmende wirtschaftliche Druck brachte Bewegung in die Gespräche.

Strategische Autonomie als gemeinsames Motiv

Wie Atradius analysiert, verfolgen sowohl die EU als auch Indien das Ziel strategischer Autonomie. Beide wollen ihre wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit stärken, Lieferketten diversifizieren und BooteAbhängigkeiten reduzieren. Die EU setzt dabei auf ihre Rolle als globaler Regulierer, auf den Binnenmarkt und auf Partnerschaften mit gleichgesinnten Staaten. Indien agiert pragmatischer, mit stärkerem Fokus auf Selbstversorgung, Digitalisierung und gezielte Marktöffnung.

Weder die EU noch Indien können sich vollständig von den Einflusssphären Washingtons und Pekings lösen. Dennoch markiert das Abkommen einen wichtigen Schritt in Richtung wirtschaftlicher Eigenständigkeit in einer zunehmend multipolaren Welt.

Wer profitiert am meisten?

Wirtschaftsinstitute erwarten Wohlfahrtsgewinne auf beiden Seiten. Allerdings wird Indien weder die USA noch China als wichtigste Handelspartner der EU ersetzen. Der Anteil Indiens am EU-Handel liegt aktuell bei etwas über zwei Prozent. Dennoch gilt: Angesichts protektionistischer Tendenzen in den USA und einer zunehmenden Abschottung Chinas gibt es kaum attraktive Alternativen.

Die Kernpunkte des EU-Indien-Abkommens im Überblick

  • Öffnung des stark abgeschotteten indischen Marktes für EU-Unternehmen
  • Abschaffung oder Senkung der Zölle auf über 90 Prozent der EU-Exporte nach Indien
  • Für rund 30 Prozent der gehandelten Waren sinken die Zölle auf null
  • Vollständiger Wegfall der Zölle auf Industriewaren wie Maschinen, elektrische Ausrüstung, Chemikalien und Arzneimittel
  • Vereinfachung der Zollverfahren
  • Erwartete Verdoppelung der EU-Exporte nach Indien bis 2032
  • Senkung der indischen Autozölle von 110 auf zehn Prozent über fünf Jahre (250 000 Fahrzeuge jährlich)
  • Landwirtschaftliche Produkte und indische Autos bleiben von Zollsenkungen ausgenommen
  • EU-Lebensmittelsicherheitsstandards bleiben unverändert
  • Öffnung von über 140 Dienstleistungsbereichen in der EU für Indien und fast 100 in Indien für die EU
  • Verbindliche Regeln zu Arbeitsrechten, Umweltschutz, Gleichstellung und digitalem Handel
  • Ausbau der Zusammenarbeit in Sicherheit und Verteidigung

Warum Exportfinanzierungen jetzt entscheidend werden

SchiffscontainerEin Abkommen allein sorgt nicht automatisch für mehr Geschäft. Für viele europäische Unternehmen – insbesondere Mittelständler – sind Exportfinanzierungen und Exportkreditversicherungen zentrale Bausteine, um die sich öffnenden Märkte tatsächlich zu erschließen.

Staatlich unterstützte Exportkreditgarantien, oft “Hermes-Deckungen” genannt, geben Exporteuren Sicherheit gegen politische und wirtschaftliche Risiken im Ausland, die privat kaum versicherbar wären. Solche Garantien der Bundesrepublik sind ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Außenwirtschaftsförderung und decken Risiken ab, die bei Exportgeschäften etwa in Nicht-OECD-Ländern auftreten können. Sie machen viele Exportvorhaben überhaupt finanzierbar, weil Banken auf dieser Basis Kredite vergeben.

Auf EU-Ebene entstehen zudem neue Exportkreditgarantie-Programme, die speziell kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen, in unsicheren Zeiten den Zugang zu Auslandsmärkten wie Indien, aber auch anderen Partnern wie der Ukraine zu schaffen.

In Verbindung mit dem EU-Indien-Abkommen schafft dieser finanzielle Rahmen die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum: Unternehmen können Produkte und Dienstleistungen international anbieten, ohne das volle Risiko auf sich allein zu nehmen. Gerade für Investitionsgüter, Maschinen, Technologien und Dienstleistungen, die im Rahmen des Freihandelsabkommens künftig gefragt sind, ist eine solide Exportfinanzierung oft der Schlüssel zum Markterfolg.

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