Zahlungsverzug 2026: Zahlungsmoral deutscher Unternehmen verschlechtert sich weiter

82 Prozent der deutschen Unternehmen warten länger auf ihr Geld als vereinbart – der höchste Wert seit 2019. Das ist das zentrale Ergebnis der aktuellen Coface-Zahlungserfahrungsstudie 2026, die zwischen Juli und August 2026 unter 503 Unternehmen aus mehr als zwölf Branchen durchgeführt wurde. Der Anteil der von Zahlungsverzug betroffenen Firmen steigt damit bereits zum fünften Mal in Folge: Lag er 2021 noch bei 59 Prozent, kletterte er 2025 auf 81 Prozent – und hat nun erneut zugelegt.
Was sagt das Zahlungsbarometer von Atradius?
Diese Entwicklung bestätigt der neueste Bericht zum Atradius Zahlungsmoralbarometer Deutschland 2026, an dem 210 deutsche Unternehmen teilnahmen. Auch hier zeichnet sich ein düsteres Bild: 87 Prozent der befragten Unternehmen berichten von Zahlungsverzögerungen im B2B-Geschäft – deutlich mehr als im westeuropäischen Durchschnitt, wo es 77 Prozent sind. Deutschland fällt damit beim Zahlungsverhalten nicht nur im Vergleich zu den eigenen Vorjahren, sondern auch im internationalen Kontext negativ auf.
Warum deutsche Unternehmen immer länger auf ihr Geld warten
Die Gründe für die schleppende Zahlungsmoral sind vielfältig – sie liegen aber weniger beim einzelnen säumigen Kunden als in der Struktur der deutschen Wirtschaft selbst. Das Atradius Zahlungsmoralbarometer führt die Entwicklung vor allem auf die verschärften Kreditbedingungen der Banken zurück. Deutsche Unternehmen finanzieren sich traditionell stark über Bankkredite. Wenn dieser Kanal enger wird, fehlt das Geld für das Tagesgeschäft – und der Lieferantenkredit rückt als Ersatzfinanzierung in den Mittelpunkt.
Die Folge: Wer selbst nicht pünktlich bezahlt wird, zahlt ausgerechnet den eigenen Lieferanten später, um die eigene Liquidität zu schonen. Coface spricht hier von zunehmenden Dominoeffekten: Ein Drittel der befragten Unternehmen erklärt Zahlungsprobleme schlicht damit, dass die eigenen Kunden wiederum auf ausstehende Zahlungen warten. Der Zahlungsverzug wandert so entlang der gesamten Wertschöpfungskette nach unten – und trifft am Ende vor allem die kleineren Unternehmen mit geringen finanziellen Reserven. Bereits im Vorjahr hatte sich dieser Mechanismus in der Zahlungsmoral-Studie 2025 abgezeichnet; er hat sich 2026 weiter verfestigt.
Auffällig ist dabei, wie unterschiedlich die Branchen betroffen sind. Am stärksten leiden der Maschinenbau (92 Prozent), die Pharma- und Chemiebranche (90 Prozent) sowie die Automobilindustrie (89 Prozent). Die Exportabhängigkeit macht diese Sektoren besonders anfällig für geopolitische und handelspolitische Unsicherheiten. Besorgniserregend ist die Lage im Maschinenbau, wo der Anteil der Unternehmen mit langfristig überfälligen Forderungen binnen eines Jahres von 15 auf 31 Prozent gestiegen ist – eine Verdopplung, die Coface-Volkswirt Markus Kuger als „deutliches Echo wirtschaftlicher Belastungen in den Zahlungsrisiken” bezeichnet. Positiv fällt dagegen die Holz- und Möbelindustrie aus: Hier mussten nur 54 Prozent der Befragten länger auf ihr Geld warten. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Insolvenzzahlen in vielen Branchen weiter steigen – Zahlungsverzug und Zahlungsunfähigkeit bedingen einander.
Liquiditätsprobleme beim Kunden sind der Hauptgrund für den Zahlungsverzug
Beide Studien kommen bei der Ursachenanalyse zum gleichen Schluss: Liquiditätsprobleme der Kunden sind mit Abstand der häufigste Grund für verspätete Zahlungen. Beim Atradius Zahlungsmoralbarometer nennen sie 50 Prozent der Befragten, gefolgt von internen Freigabeverzögerungen (33 Prozent), Verzögerungen bei der Bankabwicklung (28 Prozent) und komplexen Zahlungsprozessen (18 Prozent). Das Zahlungsverhalten der Kunden ist damit in erster Linie ein Spiegelbild ihrer finanziellen Situation – und keine böse Absicht.
Die Auswirkungen auf die Gläubiger sind erheblich. Als häufigste Folge nennen die Unternehmen einen geringeren Liquiditätsspielraum (43 Prozent), gefolgt von erhöhtem Finanzierungsbedarf und Schwierigkeiten bei der Liquiditätsplanung. Jedes fünfte Unternehmen muss wegen ausgebliebener Zahlungen sogar die eigenen Lieferanten später bezahlen – der bereits beschriebene Dominoeffekt in der Praxis.
Besonders kritisch sind Forderungen, die sich über lange Zeit hinziehen. Die durchschnittliche Dauer von Zahlungsverzögerungen sank laut Coface zwar leicht von 31,8 auf 30,2 Tage – der Anteil der Unternehmen, bei denen Forderungen mit einer Überfälligkeit von sechs Monaten bis zwei Jahren mehr als 2 Prozent des Jahresumsatzes ausmachen, stieg jedoch von 12 auf 15 Prozent. Nach den Erfahrungen von Coface wird ein Großteil dieser langfristig überfälligen Forderungen nie vollständig beglichen. Bei Atradius meldet inzwischen jedes zehnte deutsche Unternehmen Forderungsausfälle von mehr als 5 Prozent aller B2B-Rechnungen – ein Niveau, das nachhaltig am Betriebskapital zehrt. Aufgeteilt nach Zahlungszeitpunkt werden immerhin 71 Prozent der überfälligen Rechnungen innerhalb von 30 Tagen beglichen; alles, was länger dauert, wird mit jedem weiteren Monat zur Ausfallgefahr.
Kurzere Zahlungsziele, vorsichtigere Kreditvergabe – aber kaum Erleichterung
Interessanterweise reagieren deutsche Unternehmen aktiv auf die Lage – wenn auch nicht immer konsequent. So gewähren laut Coface zwar weiterhin 81 Prozent der Unternehmen Zahlungsziele, gleichzeitig bitten sie aber früher zur Kasse: Die durchschnittliche Zahlungsfrist sank von 32,5 Tagen im Vorjahr auf 30,6 Tage und liegt damit auf dem niedrigsten Stand seit 2017. Auch das Atradius Zahlungsmoralbarometer bestätigt diese Risikoscheu: Die meisten deutschen B2B-Anbieter räumen Zahlungsziele von höchstens 30 Tagen ein, längere Fristen sind deutlich seltener. Nur rund 35 Prozent der deutschen B2B-Umsätze werden auf Kredit abgewickelt – im westeuropäischen Schnitt sind es 52 Prozent.
Deutsche Unternehmen verlassen sich dabei vor allem auf interne Kreditkontrollen, aktives Kreditmanagement und automatisierte Mahn- und Inkassoprozesse. Westeuropäische Wettbewerber sichern sich dagegen häufiger frühzeitig durch Voraus- oder Teilzahlungen ab. Nur etwa jedes vierte deutsche Unternehmen nutzt eine Kreditversicherung, um einen Teil des Ausfallrisikos extern zu verlagern. Doch gerade diese Form der Absicherung gewinnt an Bedeutung: Bereits 21 Prozent der Coface-Befragten geben an, Zahlungsziele nur deshalb anzubieten, weil das Risiko durch eine Warenkreditversicherung abgedeckt ist – der höchste Wert seit 2019. Wer mehr zur Funktionsweise dieser Absicherung wissen möchte, findet die wichtigsten Antworten in den GFL-FAQ zur Warenkreditversicherung.
Ausblick: Zahlungsverzug bleibt 2026 und darüber hinaus ein Dauerproblem
Die Zukunftsaussichten sind getrübt. Laut Atradius erwarten 52 Prozent der befragten Unternehmen ein weiterhin erhöhtes Insolvenzrisiko, 34 Prozent rechnen sogar mit einem weiteren Anstieg. Als dominierende Sorge gilt die befürchtete Konjunkturabschwächung, auf die mehr als drei Viertel der Unternehmen verweisen – gefolgt von Kostendruck und geopolitischer Instabilität. Steigende Energiepreise und die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten belasten die ohnehin fragile Wachstumsprognose und gefährden die ohnehin knappen Liquiditätspuffer weiter.
Sowohl Coface als auch Atradius kommen daher zum gleichen Fazit: Zahlungsverzug bleibt ein Dauerproblem der deutschen Wirtschaft. Während Coface zeigt, dass Unternehmen mit kürzeren Zahlungsfristen und besserer Absicherung reagieren, betont Atradius, dass sich ohne ein diszipliniertes Cashflow-Management die Risiken entlang der Lieferketten weiter aufschaukeln.
Für Unternehmen bedeutet das: Ein professionelles Forderungsmanagement ist längst kein Nice-to-have mehr, sondern eine Grundvoraussetzung für die eigene Liquidität. Wer offene Forderungen konsequent überwacht, frühzeitig mahnt und kritische Außenstände nicht duldet, verhindert, dass aus Zahlungsverspätungen Zahlungsausfälle werden. Viele offene Fragen zur Vermeidung und Durchsetzung von Ansprüchen beantwortet der GFL-Blog im ausführlichen Q+A zum Thema Inkasso: Was tun, wenn der Kunde nicht zahlt?
Sollten trotz aller Vorsicht Forderungen ausfallen, springt eine Kreditversicherung ein und ersetzt bis zu 90 Prozent des Schadens. Damit bleibt die Liquidität erhalten, selbst wenn Kunden insolvent gehen. Gerade vor dem Hintergrund steigender Insolvenzzahlen und wachsender Dominoeffekte ist die Frage nicht mehr, ob man Zahlungsrisiken absichern sollte – sondern wie.
Wir unterstützen Unternehmen dabei, den passenden Partner für Kreditversicherung, Factoring und Inkasso zu finden. Sprechen Sie uns an – wir analysieren Ihre Situation und finden die passgenaue Lösung für Ihr Forderungsmanagement.