Wie wirkt sich der CO2-Grenzausgleich auf betroffene Branchen aus?
Zum 1. Januar 2026 ist das CO2-Grenzausgleichsystem endgültig in Kraft getreten. Nach einer zweijährigen Übergangsphase, in der Unternehmen lediglich Emissionen melden mussten, beginnt nun die kostenwirksame Phase. Was das für EU-Unternehmen verschiedener Branchen bedeutet, hat Credendo in einer aktuellen Analyse zusammengefasst.
Funktionsweise des CO2-Grenzausgleichs
Im Kern handelt es sich um einen CO2-Preis auf importierte Waren aus Nicht-EU-Ländern. Importierende Unternehmen zahlen indirekt denselben Emissionspreis wie europäische Produzenten im Emissionshandelssystem. Wer Produkte in die EU einführt, muss daher künftig zunächst die direkten und indirekten Treibhausgasemissionen berechnen lassen, anschließend entsprechende Zertifikate erwerben und diese schließlich an die Behörden abgeben.
Damit verändert sich der internationale Warenhandel grundlegend: Klimapolitik wird zu einem festen Bestandteil der Preisbildung.
Die EU verfolgt damit zwei Ziele gleichzeitig. Einerseits soll die globale Dekarbonisierung vorangetrieben werden. Andererseits sollen europäische Unternehmen nicht länger dadurch benachteiligt werden, dass sie strengere Umweltauflagen erfüllen müssen als internationale Wettbewerber.
Betroffene Produkte und künftige Ausweitung
Zunächst konzentriert sich der CO2-Grenzausgleich auf besonders emissionsintensive Grundstoffe wie Zement, Strom, Wasserstoff, Düngemittel, Aluminium sowie Eisen und Stahl. Zusätzlich sind zahlreiche weiterverarbeitete Produkte betroffen, etwa Komponenten für Fahrzeuge, Werkzeuge oder Haushaltsgeräte. Diese Auswahl orientiert sich an Branchen mit besonders hohem Risiko für Produktionsverlagerungen.
Die EU plant jedoch bereits eine deutliche Erweiterung. Bis 2030 sollen weitere Industriezweige einbezogen werden, darunter Chemie, Glas, Keramik und Kunststoffe.
Verhältnis zum europäischen Emissionshandel
Parallel bleibt der bestehende Emissionshandel weiterhin bestehen. Bisher erhielten energieintensive Industrien kostenlose Zertifikate, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Diese kostenlosen Zuteilungen werden jedoch zwischen 2027 und 2034 schrittweise abgeschafft.
Langfristig soll jede ausgestoßene Tonne CO2 einen Preis haben – unabhängig davon, ob ein Produkt innerhalb der EU hergestellt oder importiert wird.
Auswirkungen auf Unternehmen
Die Kombination aus CO2-Grenzausgleich und dem Auslaufen kostenloser Zertifikate führt zu erheblich steigenden Umweltkosten für energieintensive Branchen. Unternehmen sehen sich mit höheren Produktionskosten, steigenden Importpreisen und zunehmendem Preisdruck entlang der gesamten Lieferkette konfrontiert. Wer die neuen Melde- und Registrierungspflichten ignoriert, riskiert empfindliche Strafzahlungen. Was das für die einzelnen Branchen bedeutet, hat Credendo analysiert:
Besonders stark betroffen ist die Stahlindustrie. Sie steht ohnehin unter Druck durch schwache Nachfrage, günstige Importkonkurrenz und hohe Investitionskosten für klimaneutrale Produktion. Kurzfristig kann der CO2-Grenzausgleich Wettbewerbsgleichheit herstellen. Mittel- und langfristig steigen jedoch die Kosten erheblich, weil klimaneutrale Technologien teuer und teilweise noch begrenzt verfügbar sind. Die höheren Preise werden vor allem in der Automobil- und Bauindustrie spürbar werden.
Auch die Zementindustrie gehört zu den am stärksten belasteten Sektoren. Schätzungen zufolge könnte der CO2-Preis bis 2030 mehr als die Hälfte der Produktionskosten ausmachen. Dennoch unterstützt die Branche den Mechanismus, da er ausländische Wettbewerber an gleiche Kostenbedingungen bindet.
Im Stromsektor besteht dagegen ein strukturelles Risiko. Europa ist stark auf grenzüberschreitenden Stromhandel angewiesen. Zusätzliche Kosten könnten Handelsflüsse reduzieren und die Versorgungssicherheit beeinträchtigen. Preisstabilität könnte dadurch schwieriger zu gewährleisten sein.
In der Chemieindustrie sind aktuell nur einzelne Produktgruppen betroffen, doch eine Ausweitung wird bereits geprüft. Unternehmen fordern daher Planungssicherheit und Übergangsregelungen, solange die tatsächliche Wirkung des Systems noch nicht vollständig absehbar ist.
Fazit
Der CO2-Grenzausgleich markiert einen grundlegenden Wandel der globalen Handelsordnung. Klimapolitik wird zum integralen Bestandteil wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Neben seiner Umweltwirkung ist er zugleich Industriepolitik und geopolitisches Instrument.
Ob er tatsächlich globale Emissionen reduziert oder vor allem Handelsströme neu ordnet, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Fest steht jedoch: Für international tätige Unternehmen gehört das Management von CO2-Kosten seit 2026 zu den zentralen wirtschaftlichen Aufgaben.