Rückblick 2025 / Ausblick 2026: Wie Kreditversicherer und Mittelstand durch ein herausforderndes Jahr navigieren
Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt: Mehr Insolvenzen, wachsende Unsicherheiten bei Kreditversicherungen und steigende Anforderungen an die Finanzierungsstrukturen vieler Unternehmen prägten das Jahr 2025. Im Interview erläutert GFL-Geschäftsführer Marcus Sarafin, welche Entwicklungen die Branche besonders fordern, warum die Limite vieler Versicherter unter Druck geraten und weshalb mittelständische Unternehmen ihre Finanzierung ganzheitlicher betrachten müssen.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) erwartet, dass in diesem Jahr 22.000 Unternehmen insolvent gehen. Allein im ersten Halbjahr sind die Firmeninsolvenzen um 12 Prozent gestiegen. Hat sich das auch an den Schadenfällen in den Kreditversicherungen gezeigt?
Marcus Sarafin: Die Zahlungsverzögerungen haben 2025 rasant zugenommen, im Laufe des Jahres mit steigender Geschwindigkeit. Logische Konsequenz ist, dass damit auch im Laufe des Jahres die Insolvenzen deutlich gestiegen sind. Dies konnten wir bei allen Anbietern und in unserem eigenen Kundenbestand deutlich nachvollziehen. Schadenfälle gibt es mittlerweile in fast jedem Vertrag – auch bei Unternehmen, die jahrelang verschont worden sind – und es betrifft fast jede Branche.
Was bedeutet das für die Limite der Versicherten?
Sarafin: Wenn das Insolvenzgeschehen zunimmt, geht logischerweise die Risikobereitschaft der Kreditversicherer deutlich zurück. Bei den Kreditversicherungsgesellschaften sehen wir daher zunehmend Ratinganpassungen und Reduzierungen von Limiten, die bis zur Aufhebung reichen.
Das ist natürlich grundsätzlich nachvollziehbar, führt bei den versicherten Kunden aber zunehmend zu Problemen. Denn der Kunde will, gerade jetzt, unter Versicherungsschutz liefern. Dieses Ansinnen wird zunehmend problematischer, da die in diesem Jahr vielfach abgeschlossenen Zusatzdeckungen immer an den Erstversicherer gekoppelt sind – mit dem Ergebnis: Wenn der Erstversicherer reduziert, reduziert automatisch der TopUp-Versicherer. Hier liegt der Teufel im Detail.
Ist es in diesem aktuellen Marktumfeld für Unternehmen überhaupt noch möglich, neue Kreditversicherungen abzuschließen?
Sarafin: Es gibt immer noch Möglichkeiten. Der Markt wächst, was bedeutet, dass es immer mehr Anbieter und mehr Lösungsmöglichkeiten gibt. Aber man muss dazusagen, dass es im aktuellen Umfeld schon schwieriger und teurer wird.
Verkehr, Baugewerbe und Gastronomie trifft die Insolvenzwelle gerade besonders hart. Sind auch diese Branchen noch versicherbar?
Sarafin: Generell ist jede Branche versicherbar. Da haben die Kreditversicherer aus der Vergangenheit gelernt: Ausschlüsse kompletter Branchen gibt es aktuell nicht mehr – und ich glaube auch nicht, dass das wieder kommen wird. Dafür ist die Informationsbeschaffung, auf der die Ratingsysteme basieren, mittlerweile zu gut. Über sie kann zuverlässig individuell gesteuert werden.
Viele Unternehmer erwarten, dass sich die trüben Wirtschaftsaussichten auch im nächsten Jahr fortsetzen. Wenn die hohen Insolvenzen und Zahlungsausfälle anhalten – was kommt dann auf die Kreditversicherungskunden im kommenden Jahr zu?
Sarafin: Ich denke, dass ein schwieriges Jahr auf uns zukommt. Noch sind die Schadenquoten der Kreditversicherer relativ gut – aber ich denke nicht, dass das so bleiben wird.
Selbst wenn wir 2026 einen leichten Aufschwung sehen werden, erwarte ich weiterhin steigende Insolvenzzahlen. Denn meiner langjährigen Erfahrung nach war der Peak der Insolvenzanmeldungen immer sechs bis neun Monate nach Beginn des Aufschwungs am höchsten. Der wesentliche Grund liegt darin, dass ab dem Zeitpunkt des Aufschwungs der Finanzbedarf bei den Unternehmen steigt. Diesen zu realisieren – und das bei den schlechten Bilanzen der letzten Jahre und in Verbindung mit den BAFIN-Anforderungen der Banken – ist oft ein Ding der Unmöglichkeit.
Wenn die Insolvenzen also weiterhin steigen, könnte es passieren, dass sich die Schadenquoten der Kreditversicherer auf über 100 Prozent belaufen. Heißt: Die Rendite wäre, ohne die Kosten der Versicherer zu berücksichtigen, höher als die Einnahmen. Was solch eine Quote für das Risikoverhalten der Anbieter bedeuten würde – dafür braucht es nicht viel Fantasie.
Die Bundesregierung hat im Sommer den sogenannten Wachstumsbooster auf den Weg gebracht. Die dadurch erhoffte Investitionsfreude der deutschen Unternehmen müsste sich ja auch in der Nachfrage nach Finanzierungen widerspiegeln. Haben Sie davon etwas bemerkt?
Sarafin: Die Anfragen nach Finanzierungen sind in den letzten Monaten gestiegen. Zwar sind die Factoringumsätze vor allem der Großkunden bei uns etwas zurückgegangen, dafür hatten wir beispielsweise im Bereich „Leasing“ das bisher beste Jahr. Mit dem Wachstumsbooster hat das allerdings nichts zu tun, denn der ist noch gar nicht bei den Unternehmen angekommen. Ich erwarte aber, dass wir diesen 2026 bei den Unternehmensinvestitionen – und damit bei den Finanzierungsanfragen – spüren werden.
Auch die Nachfrage nach Bürgschaften ist dieses Jahr stark gestiegen. Wie lässt sich das erklären?
Sarafin: Das Risiko wird in unserem angespannten wirtschaftlichen Umfeld stärker wahrgenommen: Auftraggeber wollen sich stärker absichern. Daher beobachten wir einen grundsätzlichen Anstieg über fast alle Bürgschaftsarten hinweg. Einen speziellen Peak gab es zudem bei den Zollbürgschaften – da die Zollthematiken durch die Einfuhrbeschränkungen in die EU oder die Ausfuhrbeschränkungen in die USA und China an Brisanz gewonnen haben.
Gibt es Finanzierungsthemen, die Ihrer Meinung nach im Mittelstand zu wenig Beachtung finden?
Sarafin: In meinen Augen konzentrieren sich viele Mittelständler zu sehr auf die einzelnen Bausteine und vernachlässigen das große Ganze. Da gibt es eine Factoringlinie, man hat die und die Bürgschaften, nutzt Leasing für einzelne Objekte – aber man weiß überhaupt nicht, ob diese Elemente gut zusammenpassen. Ob die Finanzierungsstruktur über die nächsten Jahre hinweg solide ist. Und, ob man eigentlich noch finanzierungsfähig ist.
Viele Unternehmer merken erst, dass sie eigentlich schon an der Kante sind, wenn die Bank plötzlich zusätzliche Sicherheiten wie das Privatvermögen verlangt. Wir haben schon Unternehmer erlebt, die praktisch an die Wand genagelt wurden und die dann versuchen mussten, mit Hilfe von teuren Beratungsunternehmen und Restrukturierungen wieder handlungsfähig zu werden.
Ich empfehle dringend jedem Unternehmen eine externe Begutachtung der gesamten Finanzierung anhand der Bonität. So ein Blick eines Externen – wie der GFL-Experten – ist ein wichtiges Frühwarnsystem.
Kommen wir auf die GFL selbst zu sprechen: Wie haben Sie das Jahr 2025 als Geschäftsführer erlebt?
Sarafin: Für mich war es ein wahnsinnig intensives und auch anstrengendes Jahr. Wir hatten uns bis Ende des Jahres eine Frist gesetzt, um drei große Themen umzusetzen. Mit diesen werden wir unsere Langfristigkeit, Technik und Innovationskraft sichern. Die Projekte umfassen sowohl unseren internen Strukturen als auch unseren Außenauftritt.
Kernstück ist ein neuartiges, innovatives Kundenportal, das wir selbst entwickelt haben und das so auf dem Markt einzigartig ist. Wir sind uns sicher, unseren Kunden damit einen enormen Mehrwert bieten zu können. Bei all diesen Neuerungen sind wir aktuell auf der Zielgeraden und werden sie dann Anfang 2026 offiziell einführen und vorstellen können.
Der frische Wind wird ja auch maßgeblich von der zweiten Generation erzeugt, die immer mehr Verantwortung im Unternehmen unternimmt. Wie profitieren die GFL-Kunden davon, dass hier zwei Generationen Hand in Hand arbeiten?
Sarafin: Seit mehreren Jahren arbeiten meine drei Kinder nun im Unternehmen mit und übernehmen immer mehr Verantwortung. Das ist nicht selbstverständlich: Wir sind eines der letzten inhabergeführten Häuser am Markt. Für unsere Kunden bedeutet das, sie können sich darauf verlassen, dass GFL auch noch die weiteren Jahrzehnte inhabergeführt sein wird. Wir bieten dadurch eine Langfristigkeit, die kaum ein Wettbewerber heutzutage noch versprechen kann.
Auch bei unseren Kunden sehen wir diesen Generationenwechsel. Das heißt, die Kundenverbindungen von mir mit den „alten Ansprechpartnern“ können so nahtlos an die junge Generation übertragen werden.
Das bedeutet natürlich auch, dass wir mit Hochdruck daran arbeiten, unser Haus zukunftsfähig aufzustellen und uns kontinuierlich weiterentwickeln. Unser Ziel ist es, einer der modernsten Makler und Berater auf dem Markt zu sein – und ich denke, dabei sind wir auf einem guten Weg.
Gleichzeitig sind wir kein junges Startup, sondern verfügen über einen umfassenden Erfahrungsschatz. Unsere Kunden profitieren also von dem besten, was zwei Generationen zu bieten haben. Natürlich gibt es da manchmal unterschiedliche Sichtweisen, die zusammengeführt werden müssen, aber davon profitiert unser Unternehmen erheblich.


