Europa erlebt in diesem Sommer historisch niedrige Wasserstände auf zwei seiner wichtigsten Flüsse: Rhein und Donau. Die Folgen sind gravierend – nicht nur für die Umwelt, sondern vor allem für die europäische Wirtschaft. Die Binnenschifffahrt, ein zentraler Baustein der Logistik in Deutschland, Rumänien und anderen Anrainerstaaten, steht vor dem Kollaps. Gleichzeitig gerät die Energieversorgung in Mitteleuropa unter Druck, da Kraftwerke auf Kühlwasser angewiesen sind.

Doch was bedeutet das konkret für Unternehmen, Lieferketten und Verbraucher? Und wie können sich Betroffene auf eine Zukunft mit häufigeren Extremwetterereignissen vorbereiten? Diesen Fragen geht eine aktuelle Coface Studie auf den Grund.

Aktuelle Lage: Rekorde und Fakten im Überblick

Die Situation ist dramatisch – die Zahlen sprechen für sich:

  • Am 18. August 2026 sank der Wasserstand des Rheins bei Kaub auf nur noch 8 Zentimeter – deutlich unter der 78-cm-Marke, ab der die Schifffahrt eingeschränkt wird. Der bisherige Negativrekord lag bei 25 cm (2018).
  • Anfang August transportierten Binnenschiffe auf dem Rhein nur noch ein Fünftel ihrer üblichen Frachtmenge.
  • 72 % des europäischen Binnenschiffsverkehrs entfallen auf Rhein (60 %) und Donau (12 %).
  • 2018 reduzierte das Niedrigwasser das deutsche BIP-Wachstum um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte.

Logistik-Krise: Warum der Gütertransport auf dem Rhein und der Donau systemrelevant ist

Obwohl der Binnenschiffsverkehr nur einen kleinen Teil des europäischen Gütertransports ausmacht, ist er für einige Länder unverzichtbar. In Deutschland entfallen 5,4 % des Güterverkehrs auf die Binnenschifffahrt, während es in Rumänien sogar 19,2 % sind. Das Problem liegt darin, dass es keine einfachen Alternativen gibt. Ein Binnenschiff transportiert bis zu 2.000 Tonnen, während ein Güterzug nur 1.500 Tonnen und ein Lastkraftwagen-Tankzug lediglich 25 Tonnen transportieren kann. Die Umstellung auf andere Transportmittel ist daher kaum möglich – und extrem teuer. In 2018 stiegen die Kosten für Trockenschüttgut um das 2,5-fache und für Flüssiggut sogar um das 4,5-fache.

Energiesektor in der Zange: Wie die Donau die Stromversorgung gefährdet

Die Donau ist nicht nur eine wichtige Transportachse, sondern auch eine Lebensader für die Kühlung von Kernkraftwerken in Ungarn und Rumänien. In Ungarn ist das Kernkraftwerk Paks für 40% der Stromerzeugung des Landes verantwortlich, während in Rumänien das Kernkraftwerk Cernavodă 20,5% der Stromerzeugung deckt.

Die Folgen der Niedrigwasser-Phase sind vielfältig. Erstens müssen Kraftwerke ihre Leistung drosseln, was zu einem Produktionsrückgang führt. Zweitens kostet Strom aus dem Ausland in Rumänien 2-2,5-mal so viel wie selbst erzeugter Strom. Drittens haben die Regierungen in Ungarn und Rumänien bereits Industrieabnehmer wie die Automobil-, Chemie- und Baustoffindustrie aufgefordert, ihren Verbrauch zu reduzieren.

Die deutsche Chemieindustrie: Ein besonders betroffener Sektor

Die chemische Industrie Deutschlands ist stark vom Rhein abhängig – insbesondere der BASF-Standort Ludwigshafen:

  • 40 % der Fracht werden über den Rhein transportiert.
  • Bei weiter sinkenden Wasserständen drohen Unterbrechungen der Lieferketten zu den Häfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen.
  • Die Branche leidet ohnehin unter hohen Energiekosten und hat seit 2018 bereits 20 % weniger produziert.

Langfristige Risiken: Klimawandel macht Extremwetter zur Normalität

Die aktuelle Dürre ist kein Einzelfall. Experten warnen, dass häufigere Hitzewellen und schmelzende Gletscher Niedrigwasser-Phasen häufiger und intensiver machen werden. Die Saison für Niedrigwasser dauert normalerweise bis in den Herbst, und eine Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht.

Was Unternehmen jetzt tun müssen, ist klar. Erstens sollten sie die Diversifizierung der Lieferketten vorantreiben, um die Abhängigkeit von der Binnenschifffahrt zu reduzieren. Zweitens müssen sie Klimarisiken in ihre Strategie integrieren und Notfallpläne für wiederkehrende Extremwetterereignisse entwickeln. Drittens sollten sie die Energieeffizienz steigern und Alternativen zu wasserabhängiger Stromerzeugung prüfen.

„Niedrigwasser auf Rhein und Donau zeigt: Extremwetter sind längst kein reines Umweltproblem mehr. Sie werden zum Wirtschaftsfaktor, der gleichzeitig Logistik, Energie und Industrie trifft.“
– Eve Barré, Ökonomin bei Coface

Fazit: Handlungsbedarf für Politik und Wirtschaft

Die aktuelle Krise offenbart, wie verletzlich die europäische Wirtschaft gegenüber Klimarisiken ist. Während kurzfristig Notlösungen wie Stromimporte oder Transportumstellungen nötig sind, muss langfristig über strukturelle Anpassungen nachgedacht werden. Investitionen in klimaresiliente Infrastruktur, der Ausbau alternativer Transportwege wie Schiene und Straße sowie eine Energiepolitik, die Extremwetter berücksichtigt, sind dabei zentrale Maßnahmen.

Die Frage ist nicht mehr, ob die nächste Dürre kommt, sondern wann sie kommt – und wie gut Europa darauf vorbereitet ist.