Die europäische Chemieindustrie zählt zu den wichtigsten industriellen Säulen des Kontinents. Sie liefert zentrale Vorprodukte für zahlreiche Branchen – von der Automobilindustrie bis zur Landwirtschaft. Doch wie ein Bericht des Kreditversicherers Credendo zeigt, hat sich die Wettbewerbsposition der Branche in den vergangenen vier Jahren deutlich verschlechtert.

Ein entscheidender Einschnitt war der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. In der Folge brach die Versorgung Europas mit vergleichsweise günstigem russischem Erdgas weitgehend weg. Für die energieintensive Chemieindustrie hatte dies erhebliche Konsequenzen.

Energie ist ein zentraler Kostenfaktor in der Produktion. In der Petrochemie können Energiekosten bis zu 75 % der Produktionskosten ausmachen, bei Düngemitteln sogar bis zu 85 %. Da Energie in Europa deutlich teurer ist als in den USA oder China, hat sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller spürbar verschlechtert.

Schwache Nachfrage und steigende Konkurrenz

Bild zu Industrie in der Krise: Warum Deutschland seine Arbeitsplätze verliert: Auto-CockpitGleichzeitig leidet die Branche unter einer schwachen Nachfrage, wie der Credendo-Bericht erläutert. Die wirtschaftliche Entwicklung in Europa bleibt verhalten, und wichtige Abnehmerindustrien wie die Automobilbranche befinden sich weiterhin in einer Phase der Unsicherheit. Die Folge sind niedrige Auslastungsraten in vielen Chemieanlagen und sinkende Produktionsmengen.

Hinzu kommt ein wachsender Wettbewerbsdruck aus China. In den vergangenen Jahren hat das Land massiv Produktionskapazitäten im Chemiesektor aufgebaut. Besonders bei Grundchemikalien und petrochemischen Produkten profitieren chinesische Hersteller von großen Anlagen und niedrigeren Kosten.

Deutlicher Rückgang der Produktionskapazitäten

ChemielaborDie strukturellen Probleme spiegeln sich zunehmend in konkreten Zahlen wider. Zwischen 2022 und 2025 wurden in Europa chemische Produktionskapazitäten von rund 37 Millionen Tonnen stillgelegt – etwa 9 % der gesamten europäischen Kapazität. Gleichzeitig sind neue Investitionen stark zurückgegangen. Insgesamt ergibt sich ein Nettoverlust von rund 30 Millionen Tonnen Produktionskapazität.

Besonders betroffen sind wichtige Produktionsstandorte wie Deutschland, die Niederlande, das Vereinigte Königreich und Frankreich. Innerhalb der Branche steht vor allem die Petrochemie unter Druck. Sie macht fast die Hälfte der angekündigten Kapazitätsschließungen aus, unter anderem durch die Stilllegung mehrerer Steam-Cracker-Anlagen.

Exportdruck aus China dürfte anhalten

BooteEin zusätzlicher Belastungsfaktor sind Überkapazitäten in China. Da die Nachfrage im Inland schwach bleibt, exportieren viele chinesische Hersteller verstärkt in internationale Märkte – auch nach Europa. Obwohl die chinesische Regierung versucht, das Produktionswachstum zu bremsen, sind viele Unternehmen kaum bereit, freiwillig Marktanteile aufzugeben.

Unsichere Perspektiven für die Branche

Kurzfristig ist für die europäische Chemieindustrie kaum mit Entlastung zu rechnen. Hohe Energiekosten, schwache Nachfrage und steigender internationaler Wettbewerb werden den Sektor weiterhin belasten – besonders in den Bereichen Petrochemikalien, Basischemikalien und Polymere.

Langfristig könnte sich die Branche stärker auf innovative und spezialisierte Produkte konzentrieren. Entscheidend wird jedoch sein, ob Europa Rahmenbedingungen schafft, die Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sichern.

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