Der deutsche Mittelstand ist seit jeher das Herzstück der deutschen Wirtschaft. Mit 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland zählen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zu den wichtigsten Arbeitgebern: Sie stellen rund 60 Prozent aller Arbeitsplätze, erwirtschaften mehr als die Hälfte des Bruttosozialprodukts und schaffen über 80 Prozent der Ausbildungsplätze. Doch wie geht es diesem so entscheidenden Sektor wirklich? Aktuelle Studien und Umfragen, wie der United Interim Wirtschaftsreport 2026, zeigen: Der Mittelstand steht vor enormen Herausforderungen.

Überbürokratisierung und Wettbewerb als größte Hindernisse

Laut dem Wirtschaftsreport 2026, einer Umfrage unter 550 Interim Managern, sehen 82 Prozent der Befragten die Überbürokratisierung als das größte Problem für den Mittelstand. Besonders kritisch werden zähe Genehmigungsverfahren und die Überregulierung im Bauwesen bewertet. Klaus-Peter Stöppler, Bau- und Immobilienexperte, betont, dass die Überregulierung im Bauwesen exemplarisch für das Dilemma stehe. Ein massiver Abbau der Bürokratie und beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren werden als dringendste Maßnahmen gefordert.

Neben der Bürokratie stellt der zunehmende Wettbewerbsdruck aus Asien, insbesondere aus China, eine wachsende Herausforderung dar. 71 Prozent der befragten Führungskräfte stufen diesen als bedrohlich ein, wobei 41 Prozent China-Importe als eine der größten Gefahren für deutsche Unternehmen sehen. Interessanterweise wird die Konkurrenz aus den USA trotz deren Dominanz in digitalen Services und Künstlicher Intelligenz als weniger bedrohlich eingestuft.

Wirtschaftspolitik und Fachkräftemangel

Die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung steht in der Kritik. 58 Prozent der Befragten sehen die mangelnde digitale Infrastruktur als Hemmschuh. 40 Prozent der Gewerbegebiete haben kein gigabitfähiges Breitband. Hohe und volatile Energiekosten sowie eine „wirtschaftsunfreundliche Politik“ werden ebenfalls von 58 Prozent beklagt. 61 Prozent stufen steigende Lohn- und Lohnnebenkosten als Wachstumsbremse ein, und 62 Prozent verweisen auf den schlechten Zugang zum Kapitalmarkt aufgrund übermäßiger regulatorischer Anforderungen der Banken.

Jane Enny van Lambalgen, Finanzexpertin, erklärt, dass die zunehmend komplexe EU-Finanz Regulatorik Banken zu strengeren Eigenkapital-, Dokumentations- und Berichtspflichten zwingt. Dadurch werden Kredite für Mittelständler teurer und risikobehafteter, und viele Institute ziehen sich aus der klassischen Unternehmensfinanzierung zurück.

Ein weiteres zentrales Problem ist der Fachkräftemangel. 72 Prozent der Befragten attestieren dem Mittelstand eine mangelnde Innovationskraft, und 90 Prozent sehen eine Überalterung der Belegschaft als Problem. Ursachen sind der Fachkräftemangel selbst sowie die geringe Attraktivität mittelständischer Betriebe für ausländische Fachkräfte. 38 Prozent beklagen zudem das niedrige Bildungsniveau der jungen Generation, was die Suche nach qualifizierten Kräften erschwert.

Lösungsansätze und Chancen

Die Studie zeigt auch konkrete Handlungsempfehlungen auf. Ein massiver Abbau der Bürokratie, beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie eine drastische Vereinfachung des Baurechts werden gefordert. Zudem plädieren gut zwei Drittel der Befragten für eine Migrationsreform, die gezielt Fachkräfte ins Land bringt, und 54 Prozent fordern eine vereinfachte Visa-Vergabe für ausländische Experten.

Innovation und Digitalisierung bieten ebenfalls Chancen. Künstliche Intelligenz (KI) birgt enorme Potenziale für Business Development und Kundenservice, wird aber noch zu wenig genutzt.

Asien bleibt trotz der Dominanz chinesischer Importe ein wichtiger Markt für deutsche Produkte. Friedhelm Best, Asien-Experte, betont, dass die Nachfrage nach „Made in Germany“ in Asien weiterhin hoch ist und diese Chance noch zu wenige Mittelständler nutzen.

Fazit: Handeln statt warten

Der deutsche Mittelstand steht vor komplexen Herausforderungen, die sowohl extern als auch intern liegen. Doch es gibt auch Lichtblicke: KI, internationale Expansion und Restrukturierung bieten Chancen für die Zukunft. Unternehmen müssen frühzeitig auf Change-Management setzen und sich an veränderte Rahmenbedingungen anpassen. Die Politik ist gefordert, durch Reformen die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Eckhart Hilgenstock, Interim Manager, bringt es auf den Punkt: „Die Verantwortung für den wirtschaftlichen Erfolg liegt immer beim Unternehmen und dem Führungspersonal selbst. Auf die Politik zu warten, ist keine Option.“