Zahlungsmoral in Deutschland verschlechtert sich: Was bedeutet das für Unternehmen?
Die aktuelle Studie von Allianz Trade, dem weltweit führenden Kreditversicherer, zeigt ein besorgniserregendes Bild: Die Zahlungsmoral in Deutschland verschlechtert sich weiter. Unternehmen müssen länger auf ihr Geld warten, während sie gleichzeitig ihre Lieferanten schneller bezahlen als der westeuropäische Durchschnitt. Doch was steckt hinter diesem Trend, und welche Auswirkungen hat er auf die Liquidität und Widerstandsfähigkeit der Unternehmen?
Aktuelle Entwicklungen: Längere Wartezeiten, höhere Lagerbestände
Laut der Studie hat sich der „Cash Collection Cycle“ (CCC) also die Zeit, die Unternehmen benötigen, um ausgegebene Mittel in eingezogene Mittel umzuwandeln, in Deutschland 2025 um fast zwei Tage auf 79 Tage verschlechtert. Das sind 16 Tage länger als der Durchschnitt in Westeuropa, der bei 63 Tagen liegt. Besonders betroffen sind die Branchen Computer/Telekommunikation, Elektronik, Papier und Pharmazeutika.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Zum einen hat sich die Zahlungsmoral verschlechtert: Die „Days Sales Outstanding“ (DSO), also die durchschnittliche Dauer, bis Rechnungen beglichen werden, stiegen in Deutschland um 2,8 Tage auf 55 Tage. Zum anderen hat der erhöhte Lageraufbau die „Days Inventory Outstanding“ (DIO) die Zeit, die Waren im Lager verbringen um 0,9 Tage auf 58 Tage erhöht. Unternehmen setzen vermehrt auf „Just-in-Case“-Resilienz statt auf „Just-in-Time“-Effizienz, um Lieferkettenrisiken abzufedern. Gleichzeitig haben sich die „Days Payable Outstanding“ (DPO), also die Zeit, die Unternehmen brauchen, um ihre eigenen Lieferanten zu bezahlen, zwar um 1,9 Tage auf 35 Tage verlängert, liegen aber weiterhin 14 Tage unter dem westeuropäischen Durchschnitt.
Ausblick 2026: Weitere Verschlechterung erwartet
Allianz Trade prognostiziert für 2026 einen weiteren Anstieg des CCC um 4 Tage auf 83 Tage. Der Grund hierfür liegt in dem begrenzten Spielraum, den deutsche Unternehmen haben, um Zahlungsabflüsse durch längere Zahlungsfristen gegenüber Lieferanten auszugleichen. Auch global zeigt sich ein ähnlicher Trend: Weltweit steigt der CCC auf 67 Tage (2025) getrieben durch höhere Lagerbestände, die fast 80 % des CCC-Niveaus ausmachen.
Wie Maxime Lemerle, Leiter der Insolvenzforschung bei Allianz Trade, erklärt: „Die Lagerhaltung erklärt mittlerweile fast 80 % des CCC-Niveaus. Unternehmen bewegen sich weg von der ‚Just-in-Time‘-Effizienz hin zur ‚Just-in-Case‘-Resilienz.“ Geopolitische Unsicherheiten und Lieferkettenunterbrechungen führen dazu, dass Unternehmen Sicherheit und Flexibilität in der Lieferkette über Kosteneffizienz stellen.
Globale Perspektive: Was treibt den Trend?
Die globale DIO stieg auf 53 Tage (2025) deutlich über dem Niveau vor der Pandemie (48 Tage). Die weltweiten DSO liegen bei 56,5 Tagen und bleiben seit 2022 stabil. Für 2026 werden weitere Herausforderungen erwartet: Der US-Iran-Konflikt könnte den DIO in betroffenen Sektoren weiter in die Höhe treiben, während Investitionen in KI-Infrastruktur und Rechenzentren den Anstieg des CCC in einigen Branchen wie IT und Telekommunikation abfedern könnten. Insgesamt wird erwartet, dass der globale DIO um 2 Tage steigt, was den CCC um weitere 1,16 Tage erhöht.
Fazit: Liquidität vs. Resilienz – ein Balanceakt
Die Studie von Allianz Trade unterstreicht einen Paradigmenwechsel: Während die Liquidität leidet, weil längere Zahlungsfristen und höhere Lagerbestände Kapital binden, gewinnt die Resilienz an Bedeutung. Unternehmen akzeptieren höhere Kosten, um in unsicheren Zeiten mehr Sicherheit zu haben.
Die Handlungsempfehlungen für Unternehmen sind klar: Das Liquiditätsmanagement muss optimiert werden, indem DSO und DIO genau überwacht werden. Gleichzeitig sollten Lieferketten diversifiziert werden, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Risiken zu streuen. Nicht zuletzt ist es wichtig, finanzielle Puffer zu schaffen, um Flexibilität für unvorhergesehene Schocks zu gewährleisten.
