Insolvenzwelle 2026 in Deutschland: Aktuelle Entwicklungen und Prognosen
Die Insolvenzzahlen in Deutschland erreichen 2026 ein neues Rekordniveau, so der Insolvenzbericht für Juni des Halle Institute for Economic Research.
Die aktuelle Lage: Historische Höchststände
Im Juni wurden 1.702 Unternehmensinsolvenzen registriert, was einem Anstieg von 20 % im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Noch bedenklicher ist die Entwicklung im zweiten Quartal mit 4.996 Fällen verzeichnet das Quartal den höchsten Stand seit 21 Jahren. Rund 45.500 Beschäftigte sind allein in diesem Zeitraum direkt betroffen.
Die monatliche Entwicklung zeigt eine klare Dynamik. Im Januar 2026 gab es 1.620 Insolvenzen, was einem Anstieg von 8 % zum Vorjahr entspricht. Im Februar stieg die Zahl auf 2.053 Insolvenzen, ein Plus von 12 % zum Vorjahr. März verzeichnete 1.725 Insolvenzen, ein Anstieg von 9 %. Der April erreichte mit 1.776 Insolvenzen ein Plus von 10 % zum Vorjahr. Im Mai wurden 1.520 Insolvenzen registriert, ein Anstieg von 5 % zum Vorjahr. Der Juni schloss mit 1.702 Insolvenzen ab, was einem Anstieg von 20 % zum Vorjahr entspricht.
Ursachen: Warum die Insolvenzwelle jetzt kommt
Die aktuelle Insolvenzwelle ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern das Ergebnis mehrerer struktureller Belastungen. Seit 2024 müssen Unternehmen die staatlichen Unterstützungskredite aus der Corona-Zeit zurückzahlen. Viele schaffen den Kapitaldienst nicht mehr, was zu einer steigenden Zahl an Insolvenzen führt.
Die Energiekosten bleiben auf hohem Niveau, was besonders belastend für energieintensive Branchen wie Chemie, Metall und Maschinenbau ist. Gleichzeitig belasten hohe Zinsen vor allem das Baugewerbe und den Immobiliensektor. Der Anstieg des Mindestlohns auf 12,82 € im Jahr 2026 und die geplante Erhöhung auf 13,90 € im Jahr 2027 belasten niedrigmargige Branchen wie Gastgewerbe und Einzelhandel zusätzlich. Zudem liegt der reale Einzelhandel im März 2026 2,0 % unter Vorjahresniveau, was auf eine schwache Konsumnachfrage hindeutet.
Der Nahostkonflikt wirkt als Brandbeschleuniger. Laut Allianz Trade und deren Insolvenzstudie treibt er die Insolvenzen weltweit doppelt so stark an wie ursprünglich prognostiziert. Globale Prognosen wurden von +3 % auf +6 % nach oben korrigiert. Deutschland erwartet einen Anstieg um +2 % auf 24.650 Fälle, den höchsten Stand seit 2012.
Betroffene Branchen: Wer am stärksten leidet
Drei Branchen verzeichnen Rekordwerte und machen etwa 45 % aller Unternehmensinsolvenzen aus. Hotellerie und Gastronomie leiden unter der Rückkehr zur 19 % Mehrwertsteuer im Jahr 2024, schwacher Konsumlaune und gestiegenen Personalkosten. Die Insolvenzen stiegen in diesen Branchen um 27 %.
Der Immobiliensektor kämpft mit schwachem Wohnungsbau, hohen Zinsen und einem Bauplatz-Stillstand. Das Baugewerbe verzeichnet einen Anstieg von 10 %, der Handel von 15 % und das verarbeitende Gewerbe von 24 %. Besonders betroffen sind auch Logistik und Maschinenbau.
2025 gab es weltweit 475 Großinsolvenzen, also Unternehmen mit einem Umsatz von über 50 Mio. €, was einer Großinsolvenz alle 18 Stunden entspricht. Deutschland verzeichnete 94 Großinsolvenzen, ein Anstieg von 8 % gegenüber 2024. Betroffene Branchen sind Dienstleistungen, insbesondere Gesundheitswesen, Automobilindustrie, Chemie, Metall, Baugewerbe und Einzelhandel. Großinsolvenzen bergen das Risiko von Kettenreaktionen in Lieferketten, besonders für kleine und mittelständische Unternehmen, die von einzelnen Großkunden abhängig sind.
Globaler Vergleich: Wo steht Deutschland?
Die Insolvenzentwicklung variiert je nach Region. Asien-Pazifik bleibt der wichtigste Treiber der globalen Insolvenzentwicklung. China verzeichnet einen Anstieg um 9 %, getrieben von strukturellen Schwächen im Immobiliensektor und einer zurückhaltenden Konsumnachfrage.
In den USA steigen die Insolvenzen voraussichtlich um 9 %, belastet durch schwache Konsumausgaben und hohe Refinanzierungskosten. Westeuropa verzeichnet einen weiteren Anstieg um 3 % und bleibt damit auf einem erhöhten Niveau. Deutschland und Frankreich verzeichnen weiterhin steigende Zahlen.
Mit einem Anstieg von 2 % auf 24.650 Fälle erreicht Deutschland den höchsten Stand seit 2012. Die wirtschaftliche Lage bleibt anspruchsvoll, geprägt von schwacher Binnenkonjunktur, zurückhaltendem Konsum und hohen Energie- und Finanzierungskosten.
Prognose: Wann kommt die Beruhigung?
Für 2026 wird in Deutschland mit 24.000 bis 24.650 Insolvenzen gerechnet. Die Frühindikatoren bleiben auf Rekordniveau, und der Höhepunkt der Welle wird bis Juli 2026 erwartet. Betroffen sind 250.000 bis 300.000 Arbeitsplätze, direkt und indirekt.
Allianz Trade erwartet für Deutschland im Jahr 2027 einen Rückgang um 2 % auf 24.150 Fälle, vorausgesetzt, die wirtschaftliche Lage stabilisiert sich. Voraussetzungen dafür sind das Ende der Corona-Hilfen-Rückzahlungen, eine Konjunkturerholung und die Deeskalation geopolitischer Konflikte.
Falls sich der Nahostkonflikt verschärft, könnten die Insolvenzen in Deutschland auf knapp 25.000 Fälle steigen und weltweit um 10 % zunehmen.
Fazit: Was bedeutet das für Unternehmen und Arbeitnehmer?
Für Unternehmen bedeutet die aktuelle Lage, dass sie ihre Liquidität sichern und Puffer aufbauen müssen, um Rückzahlungen und hohe Zinsen zu stemmen. Besonders betroffene Branchen wie Bau, Handel, Gastgewerbe und Immobilien müssen handeln. Lieferketten sollten diversifiziert werden, um Abhängigkeiten von einzelnen Großkunden zu reduzieren.
Für Arbeitnehmer kann eine Qualifizierung in Zukunftsbereichen wie E-Mobilität oder IT helfen, die Beschäftigungsfähigkeit zu sichern. Bei Arbeitsplatzverlust haben Arbeitnehmer Anspruch auf Insolvenzgeld für bis zu 3 Monate.
Für die Politik steht die EZB vor einem Dilemma: Zu hohe Zinsen belasten die Wirtschaft, zu niedrige könnten die Inflation neu anheizen. Strukturreformen sind langfristig notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.